Beispiel Verlaufsdokumentation TP
Veränderungen seit der letzten Sitzung
- Intensivierte Angst vor Verlassenwerden bei unerwarteter Abwesenheit des Partners.
- Erhöhte Erwartungshaltung an die therapeutische Beziehung, Angst vor Distanzierung des Therapeuten.
Sitzungsverlauf und Hauptthemen
- Angst vor Verlassenwerden, ausgelöst durch die Verspätung des Partners.
- Übertragung der mütterlichen Unberechenbarkeit auf die aktuelle Beziehungssituation.
- Abwehr durch emotionalen Rückzug ("eiskalt" sein).
- Suche nach Bestätigung und Angst vor Überforderung des Gegenübers.
- Schamgefühle im Zusammenhang mit alten Urteilen ("zu sensibel", "zu anhänglich").
- Exploration des Schutzmechanismus des "inneren Verschwindens".
Neue anamnestische Daten
- Bericht über frühere Erfahrungen mit unvorhersehbarer Stimmung der Mutter, die zu ständiger Anpassung führten.
- Hinweis auf elterliche Urteile zur Sensibilität und Anhänglichkeit des Patienten.
Therapeutische Interventionen
- Exploration der Angst und ihrer situativen Auslöser.
- Spiegeln des emotionalen Erlebens (Verletzlichkeit, Angst, Scham).
- Interpretation des Rückzugs als Abwehr- und Schutzmechanismus.
- Übertragungsklärung bezüglich der Erwartung von Distanz seitens des Therapeuten.
- Validierung des Bedürfnisses nach Bestätigung.
- Ermutigung zur verbalen Artikulation von Angst.
- Gemeinsame Planung der Beobachtung des "inneren Verschwindens".
Affekt- und Abwehrdynamik
- Affekte: Verletzung, Wut, intensive Angst, Scham, gleichzeitig Erleichterung bei therapeutischer Resonanz.
- Abwehrmechanismen: Rückzug, Vermeidung, Rationalisierung ("so tun, als wäre alles egal"), Projektion von Verlassen-Angst auf Partner und Therapeuten.
Übertragungs- / Gegenübertragungsdynamik
- Übertragung: Erwartung von Distanz und Ablehnung seitens des Therapeuten, parallele Projektion der Angst vor Verlassenwerden aus der Eltern-Kind-Beziehung.
- Gegenübertragung (Therapeutenperspektive): Empfindung des Bemühens des Patienten, verstanden zu werden; gleichzeitig ein Gefühl von Schutz und Fürsorge gegenüber dem Patienten.
Interaktionsverhalten und Konfliktdynamiken
- Wechsel zwischen Annäherungs- und Rückzugsverhalten, Ausdruck eines inneren Konflikts zwischen Bindungsbedürfnis und Furcht vor Ablehnung.
- Muster der schnellen Aktivierung eines "Schalters" von neutral zu hochgradig ängstlich, analog zu früheren Mutter-Erfahrungen.
- Konflikt zwischen dem Wunsch nach Nähe und der Angst, als zu anstrengend oder überfordernd wahrgenommen zu werden, was zu sofortiger Suche nach Bestätigung führt.
Einschätzung der Suizidalität
Kein Hinweis auf Eigen- oder Fremdgefährdung.
Psychopathologischer Befund
Die Patientin ist bewusst und orientiert, die Aufmerksamkeit ist fokussiert, das Gedächtnis für aktuelle Ereignisse intakt, das formale Denken ist kohärent und logisch, inhaltlich geprägt von Angst vor Verlassenwerden, Scham und Selbstkritik, keine Halluzinationen oder Wahnideen, Ich-Störungen zeigen sich in übermäßiger Selbstkritik und Unsicherheit, der Affekt ist wechselhaft zwischen Angst, Wut, Scham und vorübergehender Erleichterung, der Antrieb ist aktiv, die Psychomotorik ist unauffällig, vegetativ-somatische Beschwerden werden nicht berichtet, Suizidalität ist nicht erkennbar.
Absprachen
- Beobachtung des Auftretens von Angst und Rückzug im therapeutischen Setting.
- Ziel, nicht sofort innerlich zu verschwinden, gemeinsam zu erarbeiten.
Planung der nächsten Sitzung
Fokussierung auf die Weiterentwicklung von Strategien zur affektiven Regulation und auf das Erleben von Nähe ohne sofortige Rückzugsreaktion.
