Beispiel Erstgespräch - Anamnese
Vorstellungsgrund
Die 30-jährige Patientin, Projektleiterin im Marketingbereich, stellt sich vor wegen anhaltender Erschöpfung und depressiver Symptomatik.
Symptomatik
Die Patientin berichtet, dass sie seit etwa einem Jahr schleichend und seit sechs Monaten intensiv unter ständiger Erschöpfung leidet, morgens kaum aus dem Bett kommt und nur noch auf der Arbeit funktioniert. Sie gibt an, unter Schlafstörungen, Grübeln, innerer Leere und gleichzeitiger Anspannung zu leiden. Ihre Stimmung sei morgens am schlimmsten, abends etwas besser, jedoch nie wirklich gut. Früher habe sie Freude an Sport und am Treffen von Freundinnen gehabt, dies sei nun kaum noch der Fall, sowohl wegen fehlender Energie als auch wegen mangelnden Interesses. Sie habe keinen Zeitraum mit gehobener Stimmung, ungewöhnlich viel Energie oder vermindertem Schlafbedürfnis erlebt. Der Appetit sei reduziert, sie habe vier Kilogramm abgenommen. Sie habe gelegentlich Gedanken, es wäre leichter, nicht aufzuwachen, jedoch ohne konkrete Pläne.
Somatische Beschwerden
- Gewichtsverlust von circa 4 Kilogramm
- Keine bekannten körperlichen Erkrankungen, letzter Check-up vor einem Jahr unauffällig
Entwicklungsgeschichte der Symptomatik
Die Patientin gibt an, dass die Symptome vor etwa einem Jahr schleichend begonnen hätten und seit sechs Monaten intensiv vorherrschten. Sie nennt als Auslöser die gleichzeitige Erkrankung ihrer Mutter und eine Beförderung im Unternehmen, die zu erhöhtem privaten und beruflichem Druck geführt habe. Sie beschreibt seit ihrer Kindheit einen hohen Perfektionismus, der sich aus dem Versuch, alles richtig zu machen, entwickelt habe. Ähnliche depressive Phasen habe sie Anfang zwanzig während des Studiums erlebt, damals jedoch nicht behandelt.
Therapieziele
- Wiedererleben von positiven Gefühlen
- Reduktion des Gefühls des Versagens
- Stärkung des Selbstwertgefühls
Bisherige Behandlungen
- Keine psychotherapeutischen oder psychiatrischen Vorbehandlungen
Medikamente
- Keine medikamentöse Therapie
Suchtanamnese
- Gelegentlicher Konsum von einem Glas Wein, sonst kein Substanzgebrauch
Soziale Anamnese
- Beruf: Projektleiterin im Marketingbereich, vor sechs Monaten befördert
- Partnerschaft: seit drei Jahren in einer Beziehung, Partner berichtet, sie sei kaum noch erreichbar
- Familie: Eltern leben noch zusammen, Vater arbeitet viel, Mutter sei seit Kurzem krank und emotional wechselhaft; ein jüngerer Bruder, Patientin sieht sich selbst als "vernünftige"
- Soziales Netzwerk: zwei enge Freundinnen, Rückzug aus dem Freundeskreis
- Freizeit/Ressourcen: früher Sport und Treffen von Freundinnen, derzeit kaum noch aktiv
Relevante biografische Daten
- Mutter erkrankt, emotional wechselhaft (mal fürsorglich, mal kritisch)
- Kindheit geprägt von dem Versuch, alles richtig zu machen, ausgeprägter Perfektionismus
- Rolle als "vernünftige" im Vergleich zum jüngeren Bruder
- Frühere depressive Phase während des Studiums ohne Behandlung
Psychopathologischer Befund
Die Patientin ist wach, orientiert und aufmerksam, zeigt einen kohärenten, logisch strukturierten Denkablauf ohne formale Denkstörungen oder inhaltliche Wahn- bzw. Halluzinationen. Es liegen keine Ich-Störungen vor. Der affektive Befund ist durch depressive Stimmung, innere Leere, Anspannung und reduzierte Freude gekennzeichnet; die Stimmung ist morgens besonders gedrückt, abends leicht verbessert. Der Antrieb ist vermindert, die Psychomotorik erscheint verlangsamt. Vegetativ-somatische Symptome umfassen Schlafstörungen, reduzierten Appetit, Gewichtsverlust und gelegentliche passive Suizidgedanken ohne konkrete Planung. Diagnostische Überlegungen (ICD-10) F33.1 Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode – begründet durch anhaltende depressive Stimmung, Interessenverlust, Schlaf- und Appetitstörungen, signifikanten Gewichtsverlust, reduzierte Energie, passive Suizidgedanken und Funktionsbeeinträchtigung im Alltag seit mehr als sechs Monaten.
Nächste Schritte
- Weitere Erfassung der Symptomatik in den probatorischen Sitzungen
- Detaillierte biografische Anamnese
- Entwicklung eines Störungsmodells gemeinsam mit der Patientin
